Krankheit aus der Sicht der Homöopathie

Was ist Krankheit aus der Sicht der Homöopathie? Mit dieser Betrachtung möchte ich eine kleine Serie von Artikeln beginnen, die dem Wesen von Krankheit nachgehen. Ein Berliner Arzt, H. Will („Der kleine Hausdoktor“, Verlag Dr. Will, Berlin, 1927, S. 14ff), hat schon 1927 klar und einfach die Auffassung der Homöopathie dazu formuliert. Ich zitiere:

„Zum besseren Verständnis einiger homöopathischer Anwendungen müssen einige Worte über den Begriff „Krankheit“ gesagt werden. Wir bezeichnen damit die bekannten krankhaften Vorgänge in unserem Körper und stellen unsere Diagnose immer in Bezug auf die anatomisch bekannten und sinnlich erfaßbaren Körperorgane. In diesem Sinne gilt uns Krankheit als etwas höchst Unangenehmes, Schreckliches, was wir fürchten.

Krankheit-Homoeopathie

Furcht vor Krankheit

Mit dieser Furcht vor Krankheit befinden wir uns aber in einem großen Irrtum. Diese anatomischen Krankheitserscheinungen sind nur ein ganz kleiner Abschnitt der Gesamtkrankheit und dürfen keineswegs gefürchtet werden, sondern sollen mit einer gewissen Freude und Genugtuung als ein Segen begrüßt werden. Wenn die Gesamtkrankheit beispielsweise sieben Stadien hätte, so wären die anatomischen Erscheinungen lediglich das letzte Stadium, dem sechs andere, für unsere Diagnose nicht so leicht faßbare Stadien vorausgegangen sind, die sich nicht in den anatomisch bekannten Organen des Körpers abspielen, sondern in den Organen der Seele und des Geistes, mit deren Erforschung sich die medizinische Wissenschaft noch wenig abgegeben hat, über die man aber in den Kreisen der okkulten Wissenschaft (Theosophie, Anthroposophie, Astrologie usw.) schon bestimmte Vorstellungen hat. Die künftige Forschung über die Ursachen der Krankheiten und die kommende Lehre von deren Vorbeugung (Hygiene) wird, wenn sie überhaupt noch etwas erreichen will, die von den okkulten Wissenschaften vorbereiteten Wege gehen müssen und wird dann auch zum Verständnis der Homöopathie und des Krankheitsbegriffes, wie wir ihn auffassen, kommen.

Die anatomischen Erscheinungen sind also nicht die Krankheit selbst, sondern deren Endstadium, ihre Geburt aus dem Körper heraus; sie sind kein Unheil für den Menschen, das man zu fürchten hat, sondern Heil, Heilung im wahrsten Sinne des Wortes. Sie bringen die Erlösung von der Krankheit, die auf diesem Wege aus dem Körper „ausgeschieden“ wird. Wenn man sich vor etwas fürchten soll, so sind es die seelischen und geistigen Erscheinungen der Gesamtkrankheit, wie wir sie heutzutage z.B. in den zahllosen Nervenleiden, bei denen die Ärzte zu sagen pflegen: „Ich kann nichts finden, es müssen die Nerven sein“, sehen und die zum größten Teil auf einer Unterdrückung des Ausscheidungsstadiums der Krankheit beruhen. In ihrer Angst vor der Krankheit, also vor dem siebenten, dem Ausscheidungsstadium, der Geburt der Krankheit, verlangen die Menschen nämlich vom Arzte, daß er die Erscheinungen sofort beseitige. Der Allopath tut dies mit den bekannten stark giftig wirkenden Mitteln, Einspritzungen usw., die die Krankheit nicht zur Geburt kommen lassen, sondern in ihre Vorstadien im seelisch-geistigen Teil des Menschen zurückdrängen, oder er operiert das kranke Organ einfach weg und nimmt somit der Krankheit die Pforte, die sie sich zur Geburt ausgesucht hat. Die Krankheit, die man auf solche Weise an ihrer ersten naturgewollten Ausscheidung, ihrem akuten Stadium, hindert, ist nicht geheilt, sondern wird chronisch. Die zunehmende Zahl von chronischen Leiden in unserem Volke und die damit verbundene zunehmende seelische und geistige Minderwertigkeit zeigt, wie notwendig eine Aufklärung über diese Punkte ist. Das schlimmste ist, daß die unterdrückten Krankheiten sich auf die Nachkommen vererben, und daß somit die meisten unserer Kinder schwer belastet zur Welt kommen.

Die homöopathische Behandlung der Ausscheidungen ist keine Unterdrückung derselben, sondern eine Begünstigung, wie die sogen. Erstverschlimmerungen beweisen und wie ja auch aus dem Ähnlichkeitsgesetze klar hervorgeht. Niemals wird durch homöopathische Behandlung, richtige Mittelwahl vorausgesetzt, eine akute Krankheit chronisch, weil sie eben richtig geboren und also völlig geheilt wird.

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